Das Gefühl ist wie ein Gummiband

13.02.2012

„Unmittelbarkeit ist für meine Bilder das Entscheidende. Unmittelbarkeit ist etwas, das nur über das Gefühl erreichbar ist. Das Bild sollte im Idealfall wie ein Klang oder ein Lichtstrahl ins Auge oder ins Herz gehen. Bei allen Überlegungen, die auch dahinter stecken mögen, ist letztlich das Gefühl das Entscheidende. Weil das Gefühl jeden Menschen anspricht, jeden! Fühlen ist Vor-Denken und ist auch wieder Nach-Denken. Das Gefühl ist wie ein Gummiband, ein Sprungbrett, eine Schleuder. Je höher der Raum ist, in dem sich das Gefühl entwickeln kann, umso besser.“

OUBEY

Tatsächlich scheinen OUBEYs Bilder zumindest bei vielen der bisherigen Betrachter so unmittelbar ins Herz zu gehen wie ein Klang. Denn neben einer Vielzahl an spontanen geistigen Assoziationen und intellektuellen Verknüpfungen lösen sie dabei immer auch Gefühle aus.


“It´s a sort of an earth language that has been painted”

Im Encounter der Mezzosopranistin Liz Howard mit einem von OUBEYs Bildern wird seine Vorstellung vom Gefühl als Sprungbrett besonders lebendig. In dieser Begegnung geht ein Raum der Gefühle auf wie man ihn sich höher und weiter wohl kaum vorstellen kann. Das Video von diesem Encounter kann man hier anschauen.

Das MINDKISS Prinzip

30.01.2012

Vor kurzem fragte mich jemand, weshalb ich im OUBEY Blog so viel über inhaltliche Themen schreibe und nicht viel mehr über meine Erlebnisse und Erfahrungen im MINDKISS Projekt oder meine persönlichen Gedanken zu OUBEYs Bildern.

OUBEY selbst hat mit einer Aussage die Spur zu meiner Antwort auf diese Frage gelegt, als er sagte: „Meine Kunst spiegelt einfach die Freude an der Erkenntnis“. Das MINDKISS Projekt folgt dieser Spur. Es legt Fährten, öffnet Fenster, initiiert Begegnungen und macht Entdeckungen möglich – ausgelöst durch OUBEYs Kunst und die geistige Aufladung, die in ihr steckt. Jeder, der Lust dazu hat, kann sich auf einen Streifzug begeben durch dieses Gelände und die Welt entdecken, in der OUBEYs Geist zuhause war. Die Freude an der Erkenntnis steht dabei im Mittelpunkt – auch für mich selbst. Das nenne ich das MINDKISS Prinzip.

Diesem MINDKISS Prinzip folgen ja auch die Begegnungen einzelner Personen mit OUBEYs Bildern, die ich in den „Encounter Videos“ festhalte und ins Netz stelle. Sie eröffnen überraschende Perspektiven, Blickwinkel und Denkrichtungen – kleine Entdeckungen für alle Beteiligten. Das Ganze ist wie ein kontinuierlich wachsendes Puzzle, dessen Teile sich in jedem Kopf zu immer neuen Bildern zusammenfügen können, für die es kein Modell gibt.

Teile eines Puzzels: Zwölf Encounter Videos stehen bereits im Netz.

Wenn man OUBEY und seine Kunst interessant findet, dann macht es viel Sinn und bereitet hoffentlich auch Vergnügen, sich mit Monaden, Strings und Quanten zu beschaeftigen, mit Prototypischen Raumkolonien und (Unter)Wasserwelten, mit Perry Rhodan, Prigogine, Tschaikowsky und Stanley Kubrick, mit Wellen, Strahlen und Klängen und vielem anderen mehr, worüber ich im OUBEY Blog schreibe. Darin findet sich, genau wie in den Encounter Videos, etwas vom geistigen Urgrund wieder, aus dem OUBEYs Kunst hervorgegangen ist. Das zu ermöglichen, sehe ich als Teil meiner Rolle in diesem Projekt.

Natürlich schreibe ich auch immer wieder gerne über meine Erlebnisse und Erfahrungen im MINDKISS Projekt. So vielleicht auch demnächst, wenn ich mit einigen Bildern erneut auf Encounter-Reise gehe. Aber vor allem schreibe ich gerne über das, was OUBEY (und auch mich) schon immer besonders begeistert und beschäftigt hat und was seine Kunst ganz eng mit dem Kosmos und so auch mit uns verbindet. Aus den eingegangenen Kommentaren weiß ich, dass viele beim Lesen des OUBEY Blogs ihre ganz eigenen Erkenntnisse gewinnen und daran große Freude haben. Nicht zuletzt deshalb schreibe ich diesen Blog gerne so wie ich ihn schreibe.

Abenteuer im Kopf

14.01.2012

Die Tatsache, dass die String-Theorie von so namhaften Wissenschaftlern wie Prof. Brian Greene von der Columbia University in New York vertreten wird, ändert nichts daran, dass Viele sie bislang dennoch für abenteuerliche Fantasterei halten. Das liegt vielleicht auch daran, dass die grundlegenden Annahmen, die die Voraussetzung dafür bilden, dass diese Theorie tatsächlich stimmen könnte, so abenteuerlich klingen, dass sie unsere Vorstellungskraft drastisch herausfordern.

Zu diesen Voraussetzungen gehört z.B. die Annahme, dass es im Universum nicht nur die uns vertrauten vier Dimensionen der Raumzeit gibt, sondern sage und schreibe elf Dimensionen. Und damit verbunden ergibt sich als weitere Voraussetzung die Annahme, dass unser Universum nicht das Einzige im Kosmos wäre. Die konkreten Vorstellungen von einem Multiversum sind vielfältig. Ob sich unser Universum mit seinen drei Raumdimensionen wie ein flaches Tal in einem elfdimensionalen kosmischen Gebirge aus weitere parallelen Universen befindet, ob es einer Blase gleicht, die mit anderen Blasen durch Wurmlöcher verbunden ist oder ob es womöglich ganz anders aussieht, kann niemand sicher sagen. Von der Existenz eines solchen „Multiversums“ ist David Deutsch von der Oxford University, auch Erfinder des Quantencomputers, allerdings fest überzeugt.

Kuben, Blasen oder ganz andere Formen – wie das Multiversum aussieht, weiß heute noch kein Mensch

Eine menschliche Vorstellungskraft, die sich über alle herkömmlichen Denkgrenzen radikal hinwegsetzt und sich dabei aufs Engste mit so exakten Wissenschaften wie der Mathematik und Astrophysik verbindet – das ist Science Fiction im allerbesten Sinn. Geistige Abenteuer dieser Art als Ausdruck von unbändiger Freiheit des Denkens und präziser wissenschaftlicher Vorgehensweise auf höchstem Niveau gehörten für OUBEY zu dem, was er einmal „die Freude an der Erkenntnis“ nannte.

Was wir heute noch nicht für möglich halten, kann sich schon bald als Realität erweisen. Die Abstände zwischen diesen Extremen verkürzen sich zusehends und wir werden sehen, wie die Evolutionsfähigkeit und -geschwindigkeit des Gesamtsystems Mensch mit den rasant wachsenden Erkenntnissen seines Gehirns auf Dauer mithalten kann.

In Anlehnung an die Gedanken von Arthur C.Clarke und Stanley Kubrick in ihrem gemeinsamen Vorwort zu „2001 – Odyssee im Weltraum“ könnte man es so sehen: Die Wahrheit wird am Ende weit erstaunlicher sein als es unsere heutigen Abenteuer im Kopf je sein können.

Das Originalzitat von Arthur C. Clarke und Stanley Kubrick findet sich unter anderem auch in OUBEY MINDKISS: StarPixels. Mehr über Paralleluniversen gibt es unter anderem hier.

Unser Universum – eine grandiose kosmische Sinfonie?

02.01.2012

Interessanterweise kreuzen sich in der Erforschung der Frage was Musik eigentlich ist und welche Bedeutung ihr im kosmischen Zusammenspiel zukommt, seit jüngster Zeit die Wege so unterschiedlicher Wissenschaften wie der Astrophysik, der Mathematik, der Hirnforschung und der Musikforschung. Die Komplexität von Sein und Werden im Kosmos kann nur interdisziplinär erforscht werden. Dass so etwas vermeintlich Banales wie die Musik sich hierbei als Schlüssel zu einem Sesam an ganz neuen Erkenntnissen zu erweisen scheint, versetzt heute Viele in Erstaunen. Wenn man OUBEYs gedanklichen und künstlerischen Spuren folgt, ist das allerdings nicht so überraschend.

Stellt man z.B. die einfache Frage, was die bloßen Töne und Geräusche von dem unterscheidet, was wir Klang oder Musik nennen, befindet man sich bei der Suche nach der Antwort schon inmitten der Verknüpfung dieser verschiedenen Wissenschaften. Aus einem Ton wird ein Klang, wenn durch die Schwingung des Tons mehrere Obertöne ausgelöst werden wie dies beispielsweise der Fall ist, wenn die Tastenhämmer eines Klaviers dessen Saiten anschlagen, oder der Bogen über die Saiten einer Violine streicht. Es entsteht eine ganze Resonanzreihe, die strengen mathematischen Regeln folgt. Eine solche Schwingung ist also mit Hilfe des Gehirns zu Musik gewordene Mathematik.

Die Hirnforschung zeigt, dass der auditive Cortex nach Tonhöhen geordnet ist wie ein Klavier. Unterschiedliche neuronale Gebiete bearbeiten die verschiedenen Teilaspekte der Musik: Hohe Töne, tiefe Töne, Rhythmus etc. Es heißt, dass es keine kognitive Funktion in unserem Gehirn gibt, die nicht irgendwie mit Musik zu tun hat.

Und die Astrophysik wirft neuerdings die Frage auf, ob Musik möglicherweise sogar das Herz aller Materie sein könnte. Es heißt, dass selbst die schwarzen Löcher Töne haben. Sie liegen allerdings 57 Oktaven unterhalb dessen, was wir hören können. Folgt man der String-Theorie, dann sind Strings die kleinsten Bausteine des Universums, unvorstellbar winzige Fäden aus Energie, die sich in permanenter Schwingung befinden, etwa so wie die Saiten einer Violine oder eines Klaviers, wenn sie angeschlagen werden.


Frei flottierende Strings – eine Computeranimation aus dem Video “Was Einstein noch nicht wußte”

Ist unser Universum möglicherweise eine grandiose kosmische Sinfonie, komponiert aus den Schwingungen der Strings?

Video Quelle: http://www.youtube.com/watch?v=Si8erALNaHE

Eine intuitive Wissenschaft vom richtigen Augenblick

17.12.2011

Himmelswolken und Meereswellen geben uns ein sichtbares, beobachtbares Beispiel für dynamische Komplexität. Die Turbulenzen, insbesondere wenn starke Winde die Wolken und Wellen vor sich hertreiben und auftürmen, waren für OUBEY deshalb etwas, das ihn immer sehr interessiert und auch fasziniert hat. Keine Welle gleicht der anderen. Keine Welle ist vorhersagbar im Sinne der mathematischen Berechnung. Ihre Choreografie existiert nur für einen Augenblick, besteht aus permanentem Werden, permanenter Veränderung.

Immer wieder ist zu lesen, der Mensch müsse lernen, die Komplexität, in der er lebt, endlich besser zu beherrschen. Dabei ist es doch ein Wesensmerkmal der Komplexität, dass sie nicht beherrschbar ist. Das macht es interessant genug, sich näher mit dem Surfen zu beschäftigen. Denn beim Surfen geht es nicht darum, die Wellen zu kontrollieren oder zu beherrschen. Es geht darum, das Meer intuitiv zu verstehen. „Ein guter Surfer muss das Meer lesen können. Er. nimmt immer die richtige Welle, wird eins mit dem Naturelement, verschmilzt mit ihm“ sagt Frédéric Shiffter. Er nennt es deshalb auch ein „mystisches Erlebnis“.


Belinda Baggs tanzt auf den Wellen

Laird Hamilton am Boden einer Riesenwelle

Es ist die Klugheit des Augenblicks, von der die Sophisten sprechen und die für den Surfer in existenzieller Weise darüber entscheidet, ob er weiterhin mit der Welle gleitet oder ob er stürzt oder gar im Strudel der Welle, die ihn erfasst, untergeht. Hier ist die Vorahnung für den richtigen Moment, der so nicht mehr wiederkehrt, von entscheidender Bedeutung. Shiffter nennt das „so etwas wie eine intuitive Wissenschaft vom richtigen Augenblick“.

Also handelt der Surfer aus einem Nicht-Wissen heraus, das sogar viel mehr noch ein „Nicht-Wissen-Können“ ist. Er muss angesichts der Unvorhersagbarkeit der Welle ganz und gar auf die Intelligenz seiner Intuition, auf die Klugheit des Augenblicks vertrauen. Und das in jeder Sekunde aufs Neue. Beim Surfen auf Riesenwellen, wie es der legendäre Laird Hamilton zelebriert, kann diese Intuition in manchen Momenten über Leben und Tod entscheiden.

Zitate und Bilder dieses Blogs stammen aus dem web-Beitrag von arte TV und aus Frédéric Shiffter: Kleine Philosophie des Surfens.

Wellen – Göttliche Wesen des Meeres

06.12.2011

“Bei Flut fuhren die Hawaiianer mit ihren Brettern aus Balsa- und Sequoiaholz hinaus aufs Meer, um die einlaufenden Wellen, die nach ihrem Verständnis göttliche Wesen des Meeres waren, zu begleiten, bis diese, am Strand angekommen, ihr Leben aushauchten.” ‘He’e nalu’ ist der polynesische Ausdruck für das Gleiten auf der ablaufenden Welle. Die Welle ist die Gottheit, die ihrem Tod entgegengeht und das Gleiten auf der auslaufenden Welle gleicht einem Totentanz, der die Wellen zur Wiederkehr einladen und damit den Kreislauf des Lebens aufrechterhalten soll, damit das Meer sich nicht dauerhaft zurückzieht.


Frédéric Shiffter in der Sendereihe “Philosophie” auf arte tv am 20.11.2011

Der französische Philosoph und Literat Frédéric Shiffter hat eine “Philosophie des Surfens” geschrieben. Für ihn ist das gekonnte Surfen ein mystisches Erlebnis. “Man wird eins mit dem Naturelement, verschmilzt mit ihm”. Die instinktiv sichere Vorahnung des Surfers für die richtige Welle, den richtigen Moment, der so nicht mehr wiederkehrt, hat für ihn auch etwas mit Trauer zu tun, “mit der Melancholie, die in jeder Welle steckt”.

“Eine Welle stirbt nicht im Verborgenen, sondern zelebriert ihren Untergang unter den Augen der Menschen. Wenn sie sich dem Ufer nähert, dessen letzte Hürde aus Sand oder Felsen sie nehmen muss, so bäumt sie sich in einer letzten Drohgebärde noch einmal auf, um gleich darauf mit einem dumpfen Rumpeln zusammenzubrechen, das im langen Donnern einer im Wirbel zerfallenden Ruine ausläuft. Die Welle endet, wenn sie im fließenden Weiß am Fuße eines Felsens verschäumt oder vom Sandstrand aufgesogen wird. Dann verflüchtigt sich ihre Seele in der Gischt, die die Gesichter der Schaulustigen benetzt und manchmal sogar ihre Brust. Dann tut die Welle ihren letzten Atemzug im Herzen eines Sterblichen und Melancholie ist ihre letzte Verkörperung.”

Ist Melancholie das, was von einer Welle im Herzen des Menschen übrig bleibt? Weil uns unbewußt klar ist, dass wir dem letzten Augenblick eines ersterbenden Elements beiwohnen? So wie beim Aushauchen des letzten Tons von Tschaikowsky´s Pathétique?

Die Zitate stammen aus Frédéric Shiffters Buch “Petite Philosophie du Surf” und aus einem Beitrag auf arte tv vom 20.11.2011. Mehr dazu auf arte.tv.

Wenn unser Geist auf Wellen reitet

25.11.2011

Wie entsteht ein Klang? Und was passiert mit uns und in uns, wenn wir die Klangbilder einer Sinfonie wie der großartigen Pathétique von Tschaikowsky hören? Was spielt sich in uns ab, nachdem die Schallwellen unser Ohr erreicht haben, in unseren Kopf eingedrungen sind, wenn wir sie uns regelrecht einverleiben und dabei ein breites Spektrum an Gefühlserlebnissen durchlaufen, denen wir uns nicht oder nur schwer entziehen können und deren Zustandekommen mehr als rätselhaft erscheint? Die Antwort auf diese Fragen eröffnet uns sowohl die Wunderwelt des Kosmos, der uns umgibt, als auch die Wunderwelt unseres eigenen Körpers, insbesondere unseres Gehirns.

Das beginnt mit der Tatsache, dass unser Kosmos ganz wesentlich aus unterschiedlichsten Wellen besteht und dass wir zumindest einige Frequenzen dieser elektromagnetischen Wellen empfangen, d.h. hören oder sehen können. Es geht weiter mit dem filigranen Aufbau unseres empfindlichen Hörorgans, durch den diese Wellen erst wirklich zu dem werden, was unser Gehirn als einen Klang wahrnimmt und führt bis hin zum Entstehen unterschiedlichster Gefühle, die durch diese Klänge in unserem Gehirn ausgelöst werden, insbesondere dann, wenn es sich um musikalische Klanggebilde wie Akkorde und Harmonien handelt.



Mit dem Prozess der Entstehung von Bewusstsein durch die Verwandlung von Klangwellen im Gehirn hat sich OUBEY in drei Skizzen beschäftigt, die er „Musikalisch-Topographischer Versuch“ nannte.

Durch die Musik können wir von der beschwingten Freude bis zur tiefen Traurigkeit, von den Schauern der Ehr- und Gottesfurcht bis hin zur explosiven Energieentladung im Tanz geraten. Wir können mit ihr so sehr verschmelzen, dass wir mit dem Vergehen des letzten Tons kollektiv verstummen anstatt zu applaudieren, wie im letzten Blog beschrieben. Das kann Musik bewirken! Für die so entstandenen Gefühle gibt es keine andere, „realere“ Ursache als die, dass ein entsprechender Klang durch unser Ohr ins Gehirn vorgestoßen ist. Das ist schon mehr als erstaunlich. Und haben wir erst einmal erlebt, welche Gefühle und Stimmungen unterschiedlichste Musik in uns freisetzt, können wir uns von da an bewusst dafür entscheiden uns ein bestimmtes Gefühlserlebnis zu verschaffen, indem wir zum Beispiel die Mondscheinsonate von Beethoven oder die Nonenakkorde von Brian Wilson hören.

Auch wenn wir all diese Wirkungszusammenhänge eines Tages wissenschaftlich soweit erforscht haben, dass wir sie vollständig erklären können, bleibt unsere Freiheit, den eigenen Geist mit Hilfe der Musik auf den Wellen des Kosmos reiten zu lassen, hiervon unberührt. Das ist gut so.

Die Kunst des Verschwindens

15.11.2011

Wer Tschaikowsky´s 6. Sinfonie, auch „Pathétique“ genannt, kennt, der kennt das Verschwinden ihrer letzten Töne in der Lautlosigkeit des Nichts. Als ob ein Herz aufhört zu schlagen. Ein Ende, das in die Unendlichkeit führt.

Im voll besetzten Festspielhaus Baden-Baden, wo diese Sinfonie am 28. Oktober vom Marijinsky Orchester unter Leitung von Valery Gergiev gespielt wurde, herrschte nach dem Verklingen ihres letzten Tons im Publikum anhaltende atemlose Stille. Nichts regte sich. Kein Applaus.

Was für ein Moment des Ausnahmezustands in einer Welt, in der wir von laut jubelnder Begeisterung umgeben sind, die oft schon ausbricht, wenn auch nur der erste Ton erklingt! Hier herrscht tiefe Ruhe. Was für eine Macht übt der Klangzauber dieser Sinfonie auf unsere Gefühle aus! Und geht dabei doch niemals zu weit! Ein Balanceakt vollendeter Kompositionskunst.

Die „Pathétique“ war Tschaikowsky´s letztes Werk. Als er sie schuf, war der Tod in seiner Nähe. Er starb wenige Tage nach ihrer – nicht erfolgreichen – Uraufführung. Vielleicht öffnet ihre Klangwelt deshalb scheinbar ein Tor in die nächste Welt, deren Nähe uns im begeisterten Erstaunen verstummen lässt? Wenn man lernen will, die Angst vorm Verschwinden in der Vergänglichkeit allen Seins zu verlieren, kann diese Musik auf jeden Fall dabei helfen.

Alle vier Sätze der 6. Sinfonie kann man sich hier anhören oder herunterladen.

Von der Wiederkehr vergessener Träume

03.11.2011

Werner Herzog lässt mit seinem neuesten Dokumentarfilm vergessen geglaubte Träume unserer Vorfahren, die mehr als 30.000 Jahre in der Versenkung der Zeit verschwunden waren, ins Bewußtsein unserer Welt des 21. Jahrhunderts zurückkehren. „Die Höhle der vergessenen Träume“ heißt der Film über die großartigen Wandmalereien von Chaveau. Er läuft heute in deutschen Kinos an.

Einen ausführlichen Blogpost hierzu gab es bereits am 10. Juli, nachdem ich dank einer freundschaftlichen Einladung die Gelegenheit hatte, den Film in einer New Yorker Aufführung zu sehen, bei der Werner Herzog selbst zugegen war und ein wenig über die Beweg- und Hintergründe dieser Produktion erzählte. Wem dieser Blogbeitrag etwas sagt, dem wird auch „Cave of Forgotten Dreams“ etwas sagen.

OUBEYs MINDKISS

28.10.2011

„Ich übernehme nur Projekte, von denen ich persönlich überzeugt bin“ sagte Stefan Sagmeister, als ich ihn im November 2005 fragte, ob er eventuell bereit wäre, die Gestaltung des ersten Buches über einen jung verstorbenen und bis dahin unbekannten Künstler namens OUBEY zu übernehmen. Um dies entscheiden zu können, wollte er deshalb erst einmal Bilder aus dem Werk dieses Künstlers sehen.

Also kam ich im Juni 2006 wieder und zeigte ihm in seinem New Yorker Studio eine Auswahl an 150 Bildern aus OUBEYs umfangreichem und vielfältigem Werk, sprach mit ihm ausführlich über die Idee meines Projekts. Er sagte „Ja“ und schlug spontan das Konzept von „fünf Bänden in einem Schuber“ vor. Das war der beste Vorschlag, den ich mir vorstellen konnte. Vom ersten Moment an war da ein Geist der Kongenialität für mich spürbar. Irgendwann kam die Frage auf, wie das Buch heißen soll, und ich schlug den Titel MINDKISS vor – so hatte OUBEY seine erste und einzige Ausstellung im Jahr 1992 genannt. Die Wortschöpfung stammt von ihm. Sagmeisters Antwort auf diesen Vorschlag war kurz und eindeutig: „MINDKISS – that’s it“.

Als ich zwei Jahre später dann den Prototyp des spektakulären 3D-Schubers zum ersten Mal sah, bestaunte ich ihn immer und immer wieder, denn so etwas hatte ich bis dahin in meinem Leben noch nie gesehen. Das ist ein Aspekt dessen, was ich kongenial nenne: Dieser Schuber ist genauso faszinierend, wild und eigenwillig wie OUBEY es war und die Gestaltung der fünf Bände ist genauso vielfältig, farbenfroh und dennoch konsistent in sich wie sein großes Werk.

Nun ist das OUBEY Buch Teil der Sagmeister Ausstellung im Pariser „Musée Arts Décoratifs“ und erreicht in diesem Rahmen erstmals eine größere Öffentlichkeit außerhalb des Internets. Dass das möglich wurde, ist Teil einer langen und wunderbaren Geschichte, die wir vielleicht auch einem MINDKISS von OUBEY verdanken.